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Genderst du schon oder weigerst du dich noch? Noch nie wurde so viel über Sternchen, Doppelpunkte und Schrägstriche diskutiert, wie im letzten Jahr – so fühlt es sich jedenfalls an. Und das ist meiner Meinung nach auch gut so. Was diese Diskussion jedoch auch zutage gefördert hat ist der Unwille weißer – manchmal gar nicht so alter und gar nicht so heterosexueller – Männer, sich produktiv an der Debatte zu beteiligen. Mit Hinweisen auf entstehende Sprachbarrieren wird darauf hingewiesen, dass kurze Intonationspausen quasi zur Schnappatmung führen könnten. Und nein, es liegt nicht am körperlichen Gesundheitszustand, dass die Herren – und ja auch viele Damen – sich weigern, sondern am geistigen Programm, welches dringend mal ein Upgrade bräuchte.

Unsere Sprache hat das maskuline Generikum als Ausgangspunkt. Und wer meint sich darauf ausruhen zu können, den muss ich enttäuschen – denn das war nicht immer so. Erst mit der Entstehung des Patriarchats war es essenziell den binären Unterschied zwischen Mann und Frau aufzumachen – sollte er doch den Herrschafts- und Dominanzanspruch des Mannes unterstreichen. Und da der Mann nun zum Maß aller Dinge wurde, wurde das maskuline Generikum zum Maßstab in der Sprache. Sprache bildet unsere Gedanken ab. Sprache zeigt, wie wir denken und fühlen. Und so kann bewusst geformte Sprache dazu führen, dass wir bestimmte Dinge eben nicht mehr hinterfragen.

Sprache schafft Bewusstsein

Sprache zeigt, was uns als Gesellschaft bewegt – so kennen die Schotten 400 Worte für Schnee, unter anderem „fleefle“ (Schnee, der um die Ecke weht) oder „flindrikin“ (leichter Schneeschauer). Sprache zeigt, wer wir als Gesellschaft sind, so kennen wir nur das maskuline Generikum. Was wir nicht hören, das denken wir nicht. Was wir nicht denken, das existiert nicht. Doch woran liegt es, dass es manchen Menschen anscheinend so schwerfällt, sich umzugewöhnen?

Der offensichtlichste Grund ist der des Machterhalts und der Privilegiensicherung. Denn: so lange das männliche Generikum gilt, solange ist der Mann weiterhin Maßstab der Dinge und sichert damit seine Position in der gesellschaftlichen Struktur. Es wäre ja nicht wirklich schlau, dies alles abzugeben für ein paar Gendersternchen. Ein weiterer Grund ist der Wunsch nach Sicherheit. Doch Sicherheit geht in diesem Fall auch mit Kontrolle einher – kontrolliere ich die Sprache, kontrolliere ich wie die Welt sich ausdrückt. Was bedeutet: wenn sich Sprache verändert, dann können sich aus gesellschaftlichen Strukturen verändern und ich kann mir nichtmehr sicher sein, wo ich am Ende dann lande. Und ein weiterer Grund ist die Notwendigkeit an Rollenmustern festhalten zu müssen, damit man die eigenen Verhaltensweisen und Lebensmodelle nicht hinterfragen muss. Denn wenn Sprache sich öffnet, dann öffnet sie eben auch Räume von Rollenzuschreibungen – das geht einher mit Karrieremöglichkeiten, Lebensformen, Charakterzügen, Stereotypen. Diese Öffnung des Raums kann Nervosität verursachen, denn aus einmal stehen Dinge, die eben noch als gegebene Tatsachen existierten zur Debatte.  Und dies sind nur drei Gründe, aus denen Menschen an verkrusteten Sprachstrukuren festhalten beziehungsweise so tun, als ob diese immer schon so gewesen wären.

Gendergerechtigkeit fordert Gesellschaftsstrukturen heraus

Oft wird auch das Argument angeführt, dass es eben nicht die besondere Ansprache aller Gender nötig wäre, man wüsste ja was gemeint ist. Gender wäre ja nun nicht wirklich so wichtig. Ein Beispiel, welches zeigt, wie eklatant falsch diese Aussage ist, ist der monotheistische patriarchale Gott – von dem wir uns ja angeblich kein Bildnis machen dürfen. Sobald ich diesen jedoch als Göttin bezeichne, stellen sich im Vatikan die roten Lackschuhe quer. Wenn Gender nicht so wichtig ist – warum wir es dann gerade an dieser Stelle so wichtig genommen? Was wäre, wenn Gott eine schwarze, queere, Frau wäre? Oder sogar eine schwarze queere nichtbinäre Person? Es würde die komplette christliche, jüdische und islamische Weltsicht in Frage stellen. Und genau deswegen ist gendergerechte und genderanerkennende Sprache so wichtig. Denn Sprache prägt unsere Sicht auf die Welt.

Was manche Personen neben fehlendem gesunden Menschenverstand daran hindert gendergerechte Sprache zu nutzen sind oftmals auch ahnengeprägte Gedankenmuster, die dazu führen, dass wir die Erfahrungen oder Überzeugungen unserer Ahnen übernommen haben. Das kann zum einen aus patriarchalen Strukturen die positiv erlebt wurden erwachsen sein – wenn ich den gewünschten Stereotyp folge, dann bin ich erfolgreich & gemocht. Oder aber aus dem genauen Gegenteil, indem traumatische Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Brechen der Geschlechtsstereotype in den Generationen vor uns gemacht wurden.  So war es vor noch nicht allzu langer Zeit für queere Menschen lebensgefährlich offen ihre Vorlieben zu leben. So war es für Frauen gefährlich Rechte einzufordern oder einfach nur das Recht über ihre körperliche Verfügbarkeit anzumerken. Woher auch immer es kommt, es ist an der Zeit diese veralteten epigenetischen Informationen zu transformieren und mit allen Gehirnzellen im Hier und Jetzt anzukommen.

Ahnengeprägte Muster erkennen bedeutet Freiheit

Dazu sei gesagt: auch ich habe bei mir einige dieser Gedankenmuster entdeckt – vielleicht nicht im Bezug auf Sprache, doch im Bezug auf patriarchale Idee definitiv. Das wir sie haben ist nicht unsere Schuld. Sie aufzulösen ist unsere Verantwortung. Wie das geht? Zum Beginn können wir all die Gedanken, die uns zum Thema gendergerechte Sprache kommen aufschreiben. Alle positiven kommen in eine Spalte, alle negativen in die andere. Dann nehmen wir die negativen und fragen uns: gab es in meinem Leben ein Ursprungserlebnis, welches diese Annahme oder diesen Gedanken begründet. Bei Ja: Zeit sich dem inneren Kind zuzuwenden. Bei nein: Zeit sich den Ahnen zuzuwenden. Denn dann haben wir es übernommen. Diese Sätze können wir dann gehenlassen zum Beispiel mit der Aussage: „Was auch immer passiert ist, ich erkenne es an. Doch es ist vorbei und ich lebe im Jahr 2021. Die Welt ist eine andere.“

Selbstverständlich können wir auch tiefer eintauchen, das Erkennen ahnengeprägter Strukturen allein kann jedoch schon sehr kraftvoll sein, denn erkannt ist schon zum Teil gebannt. Wir können ab dem Moment beginnen bewusst anders zu denken und zu entscheiden. Und damit einen neuen Raum öffnen – für tolerantere Handlungen, anerkennender Sprache und ein Miteinander, welches die Welt für unsere Enkelkinder auch noch lebenswert macht. Gendergerechte Sprache ist so viel mehr als nur Sternchen und Doppelpunkte – es ist die Entscheidung für eine gerechtere Welt jenseits von Dominanz und Beherrschung, hin zu einem wirklichen echten Miteinander, in dem wir alle gesehen werden und endlich so sein dürfen wie wir sind. Und wenn wir schon so sind, dann dürfen wir so bleiben – es verliert auf Dauer niemand, wir alle werden gewinnen. Schwer vorstellbar in einem System, in dem nur einer gewinnen kann. Und das ist genau die Macht gendergerechter Sprache: sie schafft eine neue Welt.

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