Wenn das Leben zuviel wird…

Wenn das Leben zuviel wird…

In den letzten Wochen haben mich immer wieder Nachrichten erreicht, die fragten, wie es mir geht und ob alles okay ist. Es wird alles okay werden, daran glaube ich. Aktuell ist es das noch nicht. Ich habe es nicht groß angesprochen, weil ich selber Zeit brauchte, um die Ereignisse der letzten zehn Monate zu verarbeiten… und der Prozess dauert noch an. In der aktuellen Situation können auch Ereignisse, die wir im Normalfall gut bewältigten, uns aus der Bahn werfen. Und wenn dies wiederholt passiert kann es dazu führen, dass wir eben nicht mehr so schnell in die Bahn zurückfinden. Denn das, was mich ins Schlittern gebracht hat, war kein einzelner Moment.

Es begann am 4. März letzten Jahres, mein Vater kommt plötzlich ins Krankenhaus, ich sage ab alle meine Pläne ab und fahre zu ihm. Er kommt auf die Intensivstation, die Pandemie schlägt zu, Besuchsverbot. // April: Mein Vater ist weiter auf der Intensivstation, ich in Bielefeld, hoffe ihn zu sehen. Ich kann zweimal kurz mit ihm telefonieren. // Mai: Er kommt in eine Reha, nach Wochen der Isolation ausnahmsweise ein Besuch. Wir weinten beide bitterlich als wir uns sehen. Etwas in mir wird tief erschüttert. // Juni: Entlassung, doch die Pflegestelle fordert vier Wochen aktive Unterstützung meinerseits, um ihn in die häusliche Pflege aufzunehmen. Ich ziehe in das Zimmer neben meinem Vater und pflege. // Juli: es scheint gut zu werden. Ich launche Roots & Rituals. // August: Mein Vater kommt erneut ins Krankenhaus, Entlassung nach einer Woche. Mein zentrales Nervensystem ist in Alarm und fährt nicht mehr runter. // September: Meinem Vater geht es gut, ich bin erschöpft. Bevor ich durchatmen kann: Unfall, Notarzt, Papa auf der Intensivstation. Etwas in mir bricht zusammen. // Oktober: Launch meines Jahresprogramms. Mein Vater stirbt. Überlebensmodus. // November: keine Trauerfeier wegen Lockdown. Hilflosigkeit & Ohnmacht machen sich breit. Der körperliche Schmerz der Trauer überwältigt mich. Um nicht alleine zu sein, lebe ich mit meiner Mutter – Kindheitstrigger on top. // Dezember: Versuche der Trauer Raum zu geben, es kommt anders….

Wenn die Atempausen fehlen, meldet sich der Körper

Mein Zahlungssystem funktioniert nicht, bezahle Experten, die den Fehler nicht finden. Versuche es selber noch mal. Ohnmacht macht es sich bequem. Finde heraus, dass von extern entwickelter Inhalt für meine E-Mails & Webseite, nicht kreiert, sondern kopiert war. Scham & Selbstvorwurf gesellen sich in die Runde. Ich zweifele an meiner Menschenkenntnis & habe Angst um meine Reputation, fühle mich, als ob mir mein Leben komplett entglitten ist. Der Schlafrhythmus bricht ein. Das Herzrasen kommt. Der Atem wird enger. // Januar: Der Nachlass meines Vaters wird abgeholt. Anxiety kommt körperlich spürbar vorbei. Das Zahlungssystem funktioniert wieder nicht. Experten beauftragt, wieder nichts. Am Ende finde ich nach Tagen den Fehler selber – alle Kraft geht dorthin. Lockdown-Verlängerung: Tränen, Verzweiflung über diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten. Schlafstörungen & Erschöpfung nach elf Monaten permanenter Trigger und Herausforderungen.

Wir haben alle unsere Grenzen


Ich hatte das Privileg, von regelmäßigem Coaching im letzten Jahr, habe aktuell eine Trauer-Coach, eine Spiritual-Coach, spreche regelmäßig mit meinen „Expertinnen“-Freundinnen, kenne all die Tools, bin achtsam in meinem Medienkonsum, habe über Trauer-Demenz gelernt. Und trotzdem schreibe ich heute diesen Post. Das letzte Jahr hat mich über meine Grenzen hinaus gefordert. Und das Leben ist eben kein Wettbewerb darüber, wer am meisten aushalten kann oder wer am besten die Zähne zusammenbeißen kann.

Wir haben alle unsere individuellen Grenzen und Trigger. Ich teile dies heute nicht, weil ich sagen will: Guck mal wie schlecht es mir geht. Das wäre vermessen. Ich teile es, weil ich hoffe, dass es uns allen noch mal mehr die Erlaubnis gibt menschlich zu sein. Denn Menschlichkeit bedeutet eben nicht perfekt wie eine Maschine zu funktionieren. Menschlichkeit bedeutet Emotionen und Gefühle. Menschlichkeit bedeutet in einer Pandemie überfordert sein zu dürfen, Existenzängste zu haben und vermeintlichen Kontrollverlust – als bedrohlich zu empfinden. Und Menschlichkeit bedeutet auch mal das gleiche Buch noch mal zu lesen, weil es uns Sicherheit gibt zu wissen, was passiert – etwas was ich vorher noch nie gemacht habe

Halt finden in Strukturen

Aktuell folge ich einem relativ konsequenten Tagesablauf, finde Struktur und Halt in meiner Arbeit und meinem Wirken und bin jeden Tag mindestens eine Stunde in der Natur. Ich akzeptiere meine für mich kurzen Aufmerksamkeitsspannen am Rechner, sorge für Reizarmut und bin trotz allem zuversichtlich. Ich trauere und kann trotzdem lächeln. Ich bin erschöpft und genieße gleichzeitig die Bewegung an der frischen Luft. Ich habe Schlafstörungen und kann trotzdem voll präsent sein, wenn es relevant ist. Es ist eben nicht immer ein Entweder-oder. Es ist ein alles gleichzeitig. Und auch das ist menschlich. Aktuell versuche ich mich immer wieder an das Gelassenheits-Gebet zu erinnern:

Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.


Manchmal klappt es.
Wie geht es dir? Welche Dinge helfen dir gut durch herausfordernde Zeiten zu kommen?

Den Februar werde ich mich aufs Schreiben und Sein fokussieren. Es wird also wohl etwas ruhiger hier sein. Es ist die Zeit der Reinigung. In dieser Pandemie dürfen wir alle anerkennen, dass wir uns in einer Ausnahmesituation befinden, dass unser zentrales Nervensystem permanent gefordert ist und dass Gefühle wie Trauer und Erschöpfung auch kollektiv sein können. Seien wir alle umsichtig miteinander und haben Mitgefühl. Ich freue mich jetzt schon auf viele Umarmungen.