Oft wenn wir uns nicht richtig fühlen, ist die natürliche Schlussfolgerung, dass etwas mit uns nicht stimmt, oder irgendetwas bei uns nicht richtig ist. Was aber wäre, wenn unser Gefühl ein Zeichen dafür wäre, dass wirklich etwas nicht stimmig oder richtig ist? Und zwar nicht mit uns, sondern in der Welt, der Situation oder der Konversation in der wir uns gerade befinden.

Unser Alltag entspricht einem Film mit endlosen Snapchatfiltern – ohne dass wir wissen, dass das was wir sehen Filter sind. Oft übernehmen wir diese Filter von unseren Eltern, Lehrer oder der Gesellschaft in der wir leben. Und irgendwann erinnert sich niemand mehr daran, dass es die Filter sind, durch die wir schauen, aber nicht die Wahrheit, die wir sehen. Einige dieser Filter fühlen sich irgendwann so unpassend an, dass wir beginnen sie zur Seite zu schieben. Geschehen bei dem Wahlrecht für die Frau oder der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Andere hingegen sind so tiefliegend, dass wir sie mit unserem Verstand nicht als Filter identifizieren können. Wir glauben dem Status Quo und dass die Welt so aussieht.

Macht definiert Normal

Die gesellschaftliche Norm wird von denen gemacht, die die Macht haben oder haben wollen. Und sie vertreten mit dem geschaffenen Status Quo ihre Interessen. In den letzten 2000 Jahren waren Männer diejenigen, die den Normalzustand definiert haben. Nicht besonders vorteilhaft für uns als Frauen.

Der Status Quo ist nur eine Momentaufnahme und er muss wahrlich nicht der wahrhaftige Normalzustand sein. Der Status Quo lässt sich ändern – wenn wir es wollen. Chimamanda Ngozi Adiche führt in ihrem Essay „We all should be femininsts“ das Beispiel ihrer Zwillings-Nichten auf. Hundert Jahre zuvor wären die beiden in Nigeria noch getötet worden, weil Zwillinge als Unglücks-Boten galten. Sie sagt:

Kultur macht nicht den Menschen.

Der Mensch macht die Kultur.

Wie aber können wir die Kultur verändern? Indem wir anfangen der Wilden Frau in uns wieder zu vertrauen. Unser Verstand kann diese Wahrnehmungsfilter oftmals nicht erkennen, denn sein Funktionieren basiert in vielen Fällen genau auf diesen Filtern. Der Verstand kann nur logische Schlüsse aus vergangenen, ihm bekannten Ereignissen ziehen. Wer sie aber durchleuchten kann, ist unsere Intuition, unser Urinstinkt, die wilde Frau in uns. Die wilde Frau, die sich noch an die Zeit vor den Snapchat-Filtern erinnert, die mit dem Ursprung verbunden ist, die weiß ohne zu begründen.

Das Treffen mit der wilden Frau

Ich hatte das Glück vor einigen Jahren am eigenen Leib erfahren zu dürfen, was es bedeutet, wenn Intuition und Urinstinkt über dem Verstand stehen und ernst genommen werden. Ich war mit drei Freundinnen in Arizona unterwegs. Eine ist Zuni, eine Navajo und die dritte hat assysrische Wurzeln – was sie jedoch vereinte war die Selbstverständlichkeit, mit der die feminine Intuition Gewicht hatte.

Als ich das erste Mal äußerte, dass ich kein gutes Gefühl hätte, zu einem bestimmten Ort zu gehen wurden sofort die Pläne geändert. Sobald eine von uns ein Bauchgefühl hatte wurde dem vertraut. Noch nie zuvor hatte ich so etwas erfahren und ich merkte, wie es mein ganzes System herausforderte. Aber auch, wie in mir etwas wuchs, was ich vorher nur flüchtig kannte. Allein die Tatsache, dass andere meiner Intuition rückhaltlos vertrauten, ließ sie lauter werden. Das blieb nicht ohne Konsequenzen.

Wieder zurück stellte ich fest, dass ich mich immer häufiger in Momenten wiederfand, in denen ich meiner Intuition folgte uns mein Urinstinkt sich meldete. Die wilde Frau in mir begann den Status Quo zu hinterfragen – für mich, für mein Leben und für die Gesellschaft in der ich lebe. Und es war gar nicht so leicht wie gedacht. In der Zeit wurde einer meiner Lieblingssätze:

Sagt wer?

Wir sind umgeben von so vielen Filtern auf die Welt und so daran gewöhnt, dass wir sie nicht mehr erkennen. Aber wer sagt eigentlich, dass die Dinge so sein müssen, wie sie sind? Und so habe ich mich in jeder Situation, jedem Gespräch, bei jedem Gedanken gefragt: Sagt wer? Durch das Fragen wurde mir klar, dass sie meisten Filter nicht besonders frauenfreundlich sind und dass einiges getan wird, sie aufrecht zu erhalten.

So geschehen bei Alicia Keys, die dafür angefeindet wurde, dass sie kein Make Up mehr tragen will. Ein Moment, in dem Wahrhaftigkeit als falsch dargestellt wird. Tagtäglich werden Frauen dafür bepöbelt, weil sie sich nicht zuhause verstecken, während sie ihr Kind stillen. Eine der natürlichsten Sachen der Welt wird als unnatürlich dargestellt. Die Tatsache, dass Menstruationsblut in der Werbung durch blaugefärbtes Wasser dargestellt wird und Autos über die Binde fahren – um das Thema so zu tabuisieren. Dabei ist es eine natürliche Körperreaktion, die vor langer Zeit sogar mal heilig war.

Aber es kann auch schmerzhaft sein, sich von Filtern zu verabschieden. Sobald ein Filter fällt uns klar wird, dass es eben nur ein Filter war – und wir die ganze Zeit die Welt schon anders hätten sehen können. Und das kann unangenehm sein. Bei weitem aber nicht so unangenehm, wie weiter hinter Filtern zu existieren.

Ohne Filter, bitte

Aus diesem Filter-Wahnsinn uns die wilde Frau führen. Wir dürfen wieder lernen unserem Urinstinkt zu vertrauen – es ist ausreichendes Indiz dafür, dass etwas nicht stimmig ist. Es braucht nicht immer eine sofortige logische Erklärung für Dinge. Das System fordert uns heraus, uns direkt zu erklären, denn es stellt den Verstand über die Intuition. Es sagt uns auch, dass Ordnung eine Tugend ist und sich ordentlich (= angepasst) zu verhalten besser ist als wild zu sein. Aber Gefühle können manchmal nicht logisch erklärt werden. Und müssen sie auch gar nicht. Denn das einzige, was unsere Intuition von uns möchte, ist, dass wir ihr vertrauen, dass wir dem Mädchen in uns vertrauen. Dass wir uns trauen.

Es kann helfen einen Schritt zurück zu treten um das ganze aus der Entfernung zu betrachten, Und manchmal ist der Filter nicht groß genug und man erhascht einen Blick auf die Wahrheit dahinter. Mir ging es in den verschiedensten Situationen so, dass plötzlich Filter verschwanden. Das ist so ähnlich wie die Bilder von permanent photogeshoppten Prominenten, die man auf einmal ohne Schminke sieht. Auf einmal verändert sich das Bild – etwas Wahrhaftiges wird sichtbar. Etwas, was so viel stärker ist, als der Filter. Das perfide daran ist allerdings, dass dieser kleine Einblick oft wieder von dem uns vorgegaukelten Normalzustand überlagert und vergessen wird.

Was aber ist, wenn wir die Filter nach und nach entfernen? Was passiert, wenn wir beginnen Verhalten und Situationen, die uns gestern noch als normal erschienen zu hinterfragen? Was passiert, wenn wir beginnen unserem Urinstinkt zu vertrauen, der wilden Frau in uns, die noch ein untrügliches Gespür für Wahrheit und Wahrhaftigkeit hat?

Durchatmen

Was wäre, wenn wir als Frauen beginnen gemeinsam die Kultur zu verändern in der wir leben? Folgen wir der Einladung von Chimamanda Ngozi Adichie und fangen wir an die Filter zu löschen und unserer Wahrhaftigkeit wieder näher zu kommen. Sie wird mit Sicherheit nicht ganz so ordentlich und adrett sein, wie das, was wie bisher kennen. Und wahrscheinlich werden wir anfangen uns aus dem Korsett der gesellschaftlichen Konventionen, welches uns oft den Atem nimmt, zu befreien. Ja, das kann manchmal herausfordernd sein und im ersten Augenblick auch Angst machen. Aber die Aussicht darauf wieder in der Wildnis tief durchatmen zu können und frei zu sein ist es mir das wert.

Ich habe mich dazu entschlossen den Status Quo zu hinterfragen, die Filter zur Seite zu schieben und die Wahrhaftigkeit zu finden. Ich muss zugeben: im ersten Moment ist es ein wenig so, als ob ein Hochglanz-Magazin seinen Glanz verliert. Anfänglich ist es ungewohnt, wenn die Dinge anders erscheinen und vor allem, wenn vieles seine unnatürliche Leuchtkraft verliert. Aber mir sind echte Frauen lieber als photogeshoppte, die mir als die Wahrheit verkauft werden. Und mir ist Wahrhaftigkeit lieber als willkürliche Wahrheiten.

Eine US-Studie besagt: Wenn eine Minderheit von 10 Prozent der Bevölkerung an eine Meinung glaubt und sie verbreitet, setzt sich diese schließlich auch in der restlichen Mehrheit durch. Lass uns die 11% sein, die den Status Quo verändern. Lass uns wieder auf das Gefühl von falsch vertrauen und wissen, dass es richtig ist. Solange, bis es sich richtig anfühlt. Die wunderbare Denise Bidot bringt es mit ihrer Kampagne auf den Punkt: #thereisnowrongwaytobeawoman

Auf Instagram gibt es den Trend die Bilder, die keinen Filter haben, also „echt“ sind mit #nofilter zu kennzeichnen. Müsste es aber nicht eigentlich genau anders herum sein?

Welchen Filter würdest du als erstes löschen?

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