Schon als Kind hatte ich diese Bilder vor meinen Augen: Ich streife mit einem Wanderstab durch die Wälder, trage ein Kleid mit einem Umhang – wandere von Ort zu Ort. Ich kann mit den Bäumen und den Tieren sprechen. Ich weiss, wann der Regen kommt und wann der Wind dreht. Diese Bilder begleiten mich bis heute.“

Diese Bilder begleiteten mich immer wieder durch mein Leben, die Frau mit dem Stab. Ich konnte mittlerweile mit den Bäumen sprechen und den Regen spüren. Ich durchliefe meine schamanischen Einweihungen, doch dort fand ich keinen Stab. Ich erhielt meine Weisung zur Priesterin, doch auch dort gab es nicht wirklich eine Stabträgerin, wie ich sie als Kind gesehen hatte.

Bei einer Zeremonie in einem Ehrenhain im Teutoburger Wald, bei der ich Verstorbene ins Licht schickte, erhielt die die Aufforderung sowohl den Kristall meiner Mutter als auch den Schädel einer meiner schamanischen Lehrerin in die Hand zu nehmen. Rechts den Doppelender-Bergkristall, links den Labradoit-Schädel, während die Zeremonie im Gange war. Die Botschaft, die ich erhielt war klar – führe beides zusammen. Du bist weder Schamanin, noch Priesterin – dein Weg ist beides. Ich fühlte die Erleichterung – denn in all den Jahren war ich immer hin und her gerissen zwischen den beiden Pfaden, die, sobald man sie näher betrachtete, doch recht unterschiedlich waren.

Eine Schamanin ist eine Vermittlerin zwischen den Welten, sie kommuniziert mit den Verstorbenen und den Geistern. Sie wird durch die Geister berufen und nimmt zugunsten der Gemeinschaft oder Einzelner Kontakt zu den transzendenten Mächten auf. Sie ist tief verbunden mit der Natur und wirkt durch eine tief erdverbundene Spiritualität. Sie kann ihre Seele reisen lassen und mit dem Wind tanzen.

Eine Priesterin hingegen wird „von Amts Wegen“ eingesetzt, durch einen Tempel oder eine Ausbildung die sie zuvor durchlaufen hat. Sie ist zumeist in einem Tempel beheimatet und nähert sich stellvertretend für die Gemeinschaft den transzendenten Mächten. Sie führt Zeremonien durch, hat eine spezielle Ausbildung erhalten und dient als Sprachrohr für eine spezifische Energie oder Gottheit. Sie ist an bestimmten ihr verliehenen Insignien zu erkennen. Berühmt waren die Isis-Priesterinnen im alten Ägypten oder die Phytia, die weissagende Priesterin im Tempel des Orakel von Delphi.

Als ich abends vor dem Computer saß folgte ich der Eingebung und suchte nach „schamanische Priesterin“. Und dann sah ich sie: die Frau mit dem Stab. Und ich wusste ich hatte meinen Weg gefunden.

Jetzt hatte ich endlich ein Wort für all das, was ich bin und tue, das Erbe welches ich in mir trage. Und ich spürte mit jeder Zelle: hier ist die Antwort auf die Frage, die ich so lange mit mir herumgetragen hatte. Ich sah eine Frau mit Umhang und Stab im Wald – eine Völva.

Die Trägerin des Stabs

Das Wort Völva bedeutet eigentlich ganz einfach Frau mit Stab, bzw. Frau, die den Stab trägt. Die Völva – im nordischen auch Vølve oder Volva, im germanischen auch Wala genannt – ist eine Seherin, Wahrsagerin, Hexe, Zauberin, Prophetin, Priesterin und Schamanin. Sie trägt Anteile von all jenen in sich und wandert zwischen den Welten und den Orten.

Für die Völva repräsentiert der Stab ihr Wissen und ihre Praxis. Er ist ein Symbol der Macht über das Übernatürliche. Heutzutage erkennen wir diese Symbolik noch in dem Königszepter und den Zauberstab. Neben den Holzständen gab es auch metallene geschwungene Stäbe, welches sich sogar bis ins alte Ägypten zurück verfolgen lassen. Selbst die Namen der Völva wiesen auf die Wichtigkeit es Stabes hin. So ist „Ganna“, der Name einer germanischen Völva, ist möglicherweise mit dem altnordischen Gandr verwandt, was Zauberstab bedeutet.

Eine Völva ist eine machtvolle Allrounderin. Heutzutage würde man sie wahrscheinlich als Visionärin, Pionierin, Vermittlerin, Master Coach, Mentorin, Thought Leader und Energy Worker bezeichnen. Eine Völva ist nicht nur magisch aktiv, sie agiert auch als Beraterin für weltliche Entscheidungen. So verbindet sie beide Welten und versteht es die Botschaften aus der „Anderswelt“ in diese Welt zu übersetzen und anzuwenden. Eine Völva ist eine Vermittlerin zwischen den Welten – zu ihr kommen Menschen, die Rat benötigten. In der Vergangenheit wurde sie hoch angesehen und dementsprechend entlohnt. Eine Völva ist eine unabhängige Frau in ihrer Kraft.

Die Völva begibt sich zunächst auf die Reise zu sich selbst, bevor sie reist um anderen zu helfen. Modern ausgedrückt beginnt sie mit ihrer eigenen Familie und Herkunftsgeschichte – ihrem Oorlog und Wyrd.  Wyrd oder auch Wurd ist ein germanischer Begriff, der das allgemeine Geschick oder das Schicksal beschreibt, primär das der Menschen. Ohne Selbsthilfe können wir anderen nicht helfen. Sie reist weit, um ihr Wissen zu testen und breitere Einblicke zu gewinnen.

Die Geschichte der Völvas

Die berühmteste Völva ist Heiði in der apokalyptischen Weissagung Völuspá (wörtlich: „Prophezeiung der Völva“). Es wir dabei vermutet, dass sie dieses Götterlied über sich selbst schreibt.

Im deutschsprachigen Raum war Veleda eine hochgeachtete Völva, welche auch an den Externsteinen wirkte. Noch heute ist der „Sitz der Veleda“ nach ihr benannt. Der Name Veleda leitet sich von dem keltischen Wort veld für sehen ab, sie war Namensgeberin für die Firma Weleda. Sie lebte zurückgezogen in einem Turm unweit der Lippe. Es wird gesagt, dass sie als Seherin nur über Verwandte Anfragen und Antworten kommunizierte. Im Jahre 77 nahmen Römern sie gefangen genommen bzw. sie gewährten ihr eventuell auch Asyl nach einem Aufstand. Selbst noch im 2. Jahrhundert diente die Völva Waluburg – der Name ist wahrscheinlich mit dem altgermanischen Walus verwandt, der Zauberstab oder Stab bedeutet – aus dem germanischen Stamm der Semnonen in Ägypten in einem römischen Heerlager. Die Römer machten sich also durchaus die Dienste der weisen und mächtigen Frauen zu Nutze – manchmal freiwillig, manchmal unter Zwang. Die Völvas waren hoch geachtet und in ganz Europa bekannt. Bei einigen Keltologen werden die Völvas auch als Druidinen bezeichnet, was allerdings ihrem Stand nicht ganz gerecht wird.

Die Völvas wählten bewusst die Abgeschiedenheit und das Sein etwas außerhalb der engen Gemeinschaft, denn es erlaubte ihnen einen klaren Blick auf die Zusammenhänge und Vorgänge. So waren sie voll präsent, wenn sie halfen und ihr Werk verrichteten und eher zurückgezogen in ihrem Sein. Durch ihren klaren Blick konnte die Völva Dinge erkennen die anderen verborgen blieben und hatte somit auch die Fähigkeit die Häuptlinge und Stammesvorsteher frei von persönlichen Interessen zu beraten.

Mit der gezielten Christianisierung in Europa im 4. Jahrhundert begann die gezielte Förderung der Religion. Spätestens mit den missionierenden Sachsenkriegen Karl des Großen verschwanden die letzen Völvas offiziell von der Bildfläche. Die sich ausdehnende Missionierung und Bekehrungen zum Christentum verdrängten systematisch die ursprüngliche indigene Spiritualität und ersetzten sie durch Religion. Unterstützt wurde dies auch durch kirchliche und zivile Gesetze, die gegen die Völvas erlassen wurden, wie in diesem angelsächsischen Kirchenrecht:

Wenn irgendein Wicca (Hexe), Wiglaer (Zauberer), falscher Schwur, Morthwyrtha (Anbeter der Toten) oder irgendein verschmutztes, offensichtliches Horcwenan (Hure) irgendwo im Land ist, wird der Mensch sie vertreiben. Wir lehren, dass jeder Priester das Heidentum auslöschen und Wilweorthunga (Brunnenverehrung), Licwiglunga (Beschwörungen der Toten), Hwata (Omen), Galdra (Magie), Menschenverehrung und die Gräuel, die die Menschen in verschiedenen Arten von Hexerei ausüben, und in Frithspottum (Friedenseinfriedungen) mit Ulmen und anderen Bäumen, mit Steinen und mit vielen Phantomen verbieten soll.

1. kanonisches Gesetz, das unter König Edgar im 10. Jahrhundert erlassen wurde.

Die Völvas wurden im Zuge der Christianisierung verfolgt und getötet, was auch zu einer extremen Polarisierung der Rolle der Frauen in der germanischen Gesellschaft führte.

Völva in der heutigen Zeit

Eine Völva verbindet die Kunde um Zeremonien mit dem Wissen um die Anderswelt, sie kann zwischen den Welten wandeln und Zusammenhänge und Dinge sehen, die anderen verborgen sind. Heutzutage fungiert sie als Mentorin und als spirituelle Ratgeberin. Sie kann Kontakt mit den Ahnen herstellen und Botschaften übermitteln. Sie erkennt das Potential derjenigen die zur ihr kommen und kann eine klare Vision für die kommenden Schritte entwerfen – ob Businessplan oder persönliche Entwicklung. Eine moderne Völva vermittelt zwischen den Welten, sie kann mit Spirits verhandeln und bei Gehaltsverhandlungen unterstützen. Sie ist Mentoring und Krisenhelferin zugleich. Sie ist Ansprechpartnerin für all die nicht greifbaren Themen und Expertin für all die Symptome, deren Ursache nicht gefunden wird. Sie schüttelt den Status Quo, ist auf den Punkt und absolut präsent.

Mein Weg als Völva

Schon früh habe ich begonnen mich auf Reisen zu begeben, um zu Lernen noch bevor ich je von einer Völva gehört habe. Ich reiste mit 15 nach Köln um mehr über Rückführungen zu lernen und danach unter anderem nach Kanada, Holland, New Mexiko, La Gomera, Arizona und Ägypten – immer um zu lernen oder mein Wissen und meine Fähigkeiten zu testen. Die Völva ist im Gegensatz zu der Priesterin nicht an einen Tempel gebunden, sie wandert umher. Für mich war es eine Erleichterung dies zu lernen, denn mit fiel es schon immer schwer nur einen einzigen Tempel zu haben. Ich bin diejenige, die umherzieht. Selbst mein Diné (Navajo) Name weist darauf hin. Meinen Weg in der Tradition der Völvas zu gehen bedeutet für mich, mich wieder aktiv mit unserem spirituellen Erbe zu verbinden. In meiner Arbeit überbrücke ich die heutzutage gedachten Trennungen zwischen dein einzelnen „spirituellen Professionen“, sondern verbinde sie wieder – so wie die Völvas es taten.

Ich verbinde diese uralte Weisheit mit moderndem Wissen, denn ich glaube auch, dass es nicht darum geht alles exakt so zu machen wie es damals war, sondern es den heutigen Gegebenheiten anzupassen. Spiritualität ist eben keine in Stein gemeißelte Religion, sondern eine pulsierende Wahrheit, die durch unser aller Adern läuft. Sie besteht nicht auf fixierte Abläufe, sondern passt sich den Gegebenheiten an.

Und so trage ich heutzutage auch keine Lederschlappen mehr und lebe in einer Holzhütte, sondern lackiere mir meine Nägel und freue mich über meine beheizte Altbauwohnung in Hamburg. Ich wandele zwischen den Welten und fahre gleichzeitig mit meinem Fahrrad durch den Großstadtdschungel. Ich kommuniziere mit Ahnen und Verstorbenen und schicke ebenfalls Emails auf die andere Seite des atlantischen Ozeans. All dies ist kein Widerspruch, wenn wir erkennen, dass es nicht diese und jede Welt gibt – sondern eben nur eine Welt. Diese in ihrem vollen Umfang zu erkennen befreit uns. Von der Illusion des Mangels, des Abgeschnitten sein, der Einsamkeit und dem Gefühl wir müssten noch etwas tun.

Eine moderne Völva verbindet uralte Weisheit mit modernem Wissen. Sie öffnet den Weg in eine neue Welt.