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Mit der gefühlten Pandemie-Pause – oder ist es schon das absehbare Ende? – kehren auch langsam und sicher alte Gewohnheiten in unser Leben zurück. Einige werden begrüßt, wie das unbeschwerte Treffen mit Menschen, die wir lieben oder das gemeinsame Sport machen. Andere stellen uns vor Herausforderungen, wie der plötzliche Anstieg an sozialen Kontakten oder die Erwartung jetzt außergewöhnliches erleben zu müssen. Und es ist fast so, als ob die kollektive Stechuhr, wieder installiert wurde. Die Zeit geht weiter, wir sind bald wieder im alten Takt. Doch nicht allen fällt es leicht wieder zur alten Taktung zurückzukehren.

Das Interessante daran ist, dass es im Kern nicht erstaunlich ist, dass sich die Taktung der mechanischen Zeit für viele eher einschränkend als befreiend anfühlt. Denn es ist eine Zeit, die entkoppelt ist von Realität und Umgebung. Die Uhr tickt, unabhängig von dem, was im Leben passiert. Unerbittlich. Und kleine Hinweise lassen darauf schließen, dass unser natürliches Verhältnis zur Zeit eigentlich ein anderes ist, als das, was die Taktung unserer Gesellschaft uns vorgibt. So verschob sich während der letzten Monate die sich sogenannte Duschspitze von 7 auf 9 Uhr morgens. Die Duschspitze ist der höchste Wasserverbrauch am Morgen – ohne Schule und Anfahrt zum Büro blieben die Menschen länger liegen – man hätte ja auch freiwillig weiterhin früh aufstehen können. Denn die Zeit treibt uns.

Von Orientierungshilfe zum Taktgeber

Entstand Zeit früher in Zusammenhang mit Natur und Ereignissen, so orientiert sich heute unser Lebenstempo an der Zeit. Sprach man früher davon, dass das Jahr, in dem Anna ihre Tochter gebar einen besonders heißen Sommer hatte, spricht man heute davon, dass Anna vor ihren 30 Lebensjahr gebären sollte. Bis zum 14. Jahrhundert orientierten sich die Menschen, wenn es um zeitliche Einordnungen von Erlebnissen ging, an Naturgegebenheiten. Heute orientieren wir uns an einem mathematischen Konstrukt, welches dafür gesorgt hat, dass wir nun auch Ereignisse, die noch nicht passiert sind, an einer fiktiven Zeitlinie ausrichten. Das pünktliche Geschehen oder eben Nichtgeschehen dieser Ereignisse definiert dann unseren Lebenserfolg. Wurde Zeit früher im Zusammenhang mit Natur und natürlichen Rhythmen erlebt, so wird sie heute als vorgebender Taktgeber erlebt. Gab früher die Sonne die Zeit vor, ist es heute die Uhr. Wir haben uns komplett vom Rhythmus der Natur entfernt und wundern uns, warum wir immer so gehetzt sind, das Gefühl haben nicht schnell genug zu sein oder dass irgendwie nie genug Zeit da ist.

Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte orientierten wir uns an den Rhythmen der Natur, wenn es darum ging Zeit zu definieren. Sonnenuhren teilten den Tag ein – wobei je nach Jahreszeit die Dauer der Stunden variierten. Zeit spiegelte wieder, wo wir uns innerhalb des Rhythmus der Natur befanden und half uns, uns zu verorten. Menschen beschrieben Ereignisse indem sie sich an der Natur orientierten – das Richtfest zum Supermond, die Geburt zur Sturmflut. Und auch wenn es schon Kalender gab, so waren die einzelnen Tage eben nicht alle gleich lang, sondern veränderten sich mit den Jahreszeiten. Erst als Mönche begannen automatische Zeitmesser zu entwickeln, um eine Regelmäßigkeit und Ordnung in die Abläufe der Gebete und Abläufe im Kloster zu bringen, begann Zeit sich an regelmäßigen festlegbaren Abschnitten zu orientieren. Die Kontrolle über das spirituelle Engagement führte schlussendlich zur Kontrolle über unser aller Leben.

Gebete als Grundlage der Zeitmessung

Mit der Einführung dieser Zeitmesser begann die Abkehr von natürlichen Zyklen hin zu mechanischen Takten. Die Kirche sorgte quasi dafür, dass wir nicht nur die Verbindung zu unserer ursprünglichen Spiritualität verloren, sondern auch die Verbindung zu unseren natürlichen Rhythmen. Und die Folgen spüren wir bis heute. Der Versuch die Zeit zu kontrollieren hat dazu geführt, dass die Uhr uns kontrolliert. Das, was wir als gegeben hinnehmen, die immer wiederkehrende Erschöpfung, das Gefühl des gehetzt seins, die Orientierung an glatten linearen Optimallebensläufen sind alles Folgen des Versuchs eine disziplinierte Taktung für christliche Gebete zu finden. Was die Mönche begannen wurde von den Briten besiegelt. Als globale Kolonialmacht wollten sie die Kontrollen über die Zeit in all den Ländern. Dabei ging es um mehr als nur disziplinierte Gebetstaktung – es ging darum, den kolonialisierten Menschen den eigenen Takt aufzudrücken. Mit der Eroberung der Welt musste auch die damit zusammenhängende Zeit erobert und kontrolliert werden. Und so wurde 1884 die Welt in Zeitzonen eingeteilt, welches sich alle am britischen Empire orientierten – und es bis heute tun.

Mit der Aufteilung der Welt in Zeitzonen übernahm die mechanische Zeit die Herrschaft. Und mit dieser Herrschaft verloren wir mehr und mehr den Bezug zur Natur, zu unseren Körpern, zu unseren eigentlichen Rhythmen. Wir verloren den Bezug zu natürlichen Taktgebern, wie der Sonne und alle Bedürfnisse mussten sich nun der Uhr unterordnen – entschied sie doch nun darüber, ob es Zeit für etwas war. Und so wurde die Vorstellung einer getakteten Zeit zu einer Realität, der wir uns alle unterwerfen. Und so schauen wir heute eher auf die Uhr als an den Himmel, hören auf den Wecker anstatt auf den Gesang der Vögel. Wir sind so abgeschnitten vom natürlichen Rhythmus, dass wir uns selbst im Urlaub oft durch den Blick auf die Uhr den Rhythmus vorgeben lassen.

Körperloser Rhythmus als Alltagstakt

Ich persönliche erlebe es immer wieder, dass ich gefragt werden, wann denn die richtige Zeit für etwas bestimmtes sei. Meine Antwort dazu ist, als erstes aus dem Fenster zu schauen: Ist es hell oder dunkel? Ist es Sommer oder Winter? Wo steht der Mond, wo steht die Sonne? Unsere Ahnen haben nicht gewusst, dass um 4.14 Uhr morgens der Vollmond exakt ist, sie haben sich an dem, was sie wahrnehmen konnten orientiert. Und ich bin mir sicher, dass ihre Vollmondrituale genauso kraftvoll waren. Unsere Ahnen haben auch nicht jedes Jahr am gleichen Tag mit der Saat begonnen, sondern sie haben auf die Natur geschaut, die ihnen gezeigt hat, wann es so weit war. Es ist eine Sache intellektuell zu wissen, wann der Neumond im Kalender steht und aus der Information heraus aktiv zu werden. Es ist etwas anderes körperlich zu wissen, wann der Neumond ist, da man den Lauf des Mondes beobachtet und somit aus der Verbindung heraus Impulsen folgt. In dem Moment, wo wir uns wieder mit der natürlichen Zeit verbinden, werden wir auch wieder Teil von etwas. Wir verbinden uns mit den Rhythmen der Erde und damit auch mit unserem eigenen. Wenn wir dann Schlafschwierigkeiten haben, blicken wir als erstes aus dem Fenster anstatt auf die Uhr – scheint dort der Vollmond wissen wir Bescheid.

Ebenso kann uns die Orientierung am alten Jahreskreis helfen. Auch dort wurden die Feste, die heute kalendarisch auf Daten festgelegt wurden, ursprünglich am Lauf von Mond und Sonne orientiert. In der Verbindung mit dem Jahreskreis bekommen wir auch wieder eine Verbindung zu der natürlichen Zeit – während in der mechanischen Zeit im gregorianischen Kalender der Dezember die Zeit des Jahresendspurt bildet und zur Aktivität mahnt, ist die Zeit um die Wintersonnenwende in der natürlichen Zeit die es Rückzugs und des Innehaltens. Als Frau kann ich mich auch an dem Zyklus meines Körpers orientieren: in den Zeiten des Eisprungs beispielsweise haben viele mehr Energie und können mit Unterstützung der Pheromone erfolgreicher verhandeln. In meiner Arbeit beobachte ich immer wieder, wie Frauen durch die Verbindung mit den natürlichen Rhythmen wieder mehr zu sich finden. Schlafschwierigkeiten verschwinden, nervöse Unruhe legt sich, das Gefühl des gehetzt seins löst sich auf.

Lebensqualität durch Natürlichkeit

Als ich begonnen haben mein Leben wieder mehr im Einklang mit der natürlichen Zeit zu planen, habe ich ebenfalls den Unterschied gemerkt. Ich hatte wieder mehr Energie und vor allem das Gefühl mehr Zeit zu haben. Um uns mit den ursprünglichen Rhythmen unserer Ahnen zu verbinden, müssen wir die Uhr nicht aufgeben – doch wir dürfen beginnen, sie anders zu nutzen. Nicht als Taktgeber, sondern als Orientierungshilfe. Denn es ist hilfreich zu wissen, wann wir uns treffen – und vor allem, wenn wir wissen, dass 10:00 Uhr für uns beide das Gleiche bedeutet. Unseren Takt dürfen wir uns wieder von der natürlichen Zeit gestalten lassen – und ja, da gehören Jahreszeiten, Mondzyklen, Blütezeit der Bäume und Menstruation dazu.

Drei Dinge, die uns helfen können, uns im Alltag mit der „Ahnenzeit“ zu verbinden sind:

  1. Den Lauf von Sonne und Mond beobachten – und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern am Himmel. Denn der Mond steht nicht jeden Abend an der gleichen Stelle…
  2. Ein Stück Natur finden, welches wir jeden Tag besuchen und den Lauf der Jahreszeiten beobachten. Es kann tief verbinden mit der natürlichen zeit sein, wenn man jeden Tag den gleichen Spaziergang macht.
  3. Spätestens mit Beginn des Sonnenuntergangs alle Lichtquellen auf „warm“ schalten – damals gab es auch nur Feuer – und damit unserem Körper erlauben wieder mehr in die natürliche Zeitqualität einzutauchen. Dabei ist es vollkommen okay im Winter mehr zu schlafen.

Durch die Verbindungmit der natürlichen Zeit verlagert sich auch der Fokus – wir werden wieder zur bewussteren Beobachterin, wir haben Teil an der Erfahrung der Zeit, wir erleben sie wieder, denn sie existiert durch uns. Die Pandemie hat zwar die Uhren nicht angehalten, doch sie hat unser Verhältnis zur täglichen Taktung in Frage gestellt. Die Duschspitze ist nur ein kleiner Hinweis darauf. Die „Erfindung der Zeit“ wurde initiiert durch die Kirche, die Gleichschaltung ist ein Resultat des Kolonialismus – beide wollten Kontrolle. Wen wir eine Zeitenwende wollen, dann müssen wir auch die Zeit wenden. Und der mechanischen Zeit die Macht zu nehmen und unsere Abläufe wieder mehr in die Hand der natürlichen Zeit zu legen wäre ein erster Schritt dahin.

Wir können uns nun entscheiden, ob wir uns wieder komplett der Kontrolle der mechanisch getakteten Uhr unterwerfen – denn die Uhr ist nicht die Zeit. Oder ob wir uns erlauben dies als Chance zu sehen und mehr in Einklang mit der natürlichen Zeit und damit auch mit uns selbst zu bringen.

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